E-Commerce

Taschentücher auf Knopfdruck: Das(h) braucht kein Mensch

Hurra, hurra, die Dash Buttons sind da! Nach dem Start in den USA vor gut einem Jahr hat Amazon seine Real-Life-Bestellbuttons nun auch in Deutschland auf den Markt gebracht. Und Interesse scheint durchaus da zu sein, denn am Tag nach der Markteinführung waren die meisten Buttons schon (vorerst) nicht mehr lieferbar. Entweder hat Amazon also nur sehr sparsam bevorratet oder der Medienhype hat sich tatsächlich in beachtlichen Verkaufszahlen niedergeschlagen…
von KatjaFlinzner

Ok, ich geb’s ja zu, ich habe auch einen gekauft. Allerdings, ganz ehrlich, rein zu Recherchezwecken. Denn ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, einen Oral-B-Button ins Bad zu kleben, nur damit ich in Zukunft den Zahnseide-Vorrat mit nur einem Knopfdruck anstelle mit drei Klicks bestellen kann. Wenn ich ihn nicht doch einfach beim Drogeriemarkt um die Ecke mitnehme.

Dash Buttons gibt es in Deutschland bislang – exklusiv für Prime-Kunden – für 18 verschiedene Marken (in den USA inzwischen für über 150). Von Somat über Whiskas bis hin zu Nerf. Ja, richtig, Nerf, das sind diese unendlich nerfvigen Spielzeugpistolen, die Plastikmunition durch die Gegend schießen. Und wenn der Nachwuchs sie alle irgendwo in der Botanik verteilt hat, kann man das neue 100er-Pack jetzt mit einem Druck auf den im Kinderzimmer hängenden Dash Button nachbestellen. Haben wir darauf nicht schon immer gewartet?

Also gut, Sarkasmus aus, halten wir uns an die Fakten. Denn dafür habe ich mir das neue Amazon-Spielzeug ja schließlich extra genauer angeschaut.

Was bestelle ich eigentlich?

Bevor man einen Button kauft, stellt sich erstmal die Frage, was man damit eigentlich bestellen kann. Bei Schwarzkopf gibt’s vermutlich Shampoo, ok, aber welches genau? Die Liste der über die Dash Buttons bestellbaren Produkte muss man tatsächlich ein bisschen suchen, sie versteckt sich hinter einem in Relation zu den How-to-Grafiken doch eher unscheinbaren Schaltfeld.

Und dann gehen die Fragen auch schon los. Denn in der Liste sind auch jede Menge Plus-Produkte enthalten, die ja normalerweise nur mit anderen Produkten zusammen bestellbar sind. Ob man die über den Button überhaupt bestellen kann? Und wenn ja: Kommen dann Extra-Kosten dazu? Der Shop gibt dazu keine Auskunft.

Ich entscheide mich für den Kleenex-Button – Taschentücher braucht man schließlich immer, die nächste Erkältung kommt bestimmt. Ab in den Warenkorb damit, bestellen – alles wie immer.


Voilà, das neue digitale Bestellspielzeug von Amazon. (Foto: Mike Flinzner)

Voilà, das neue digitale Bestellspielzeug von Amazon. (Foto: Mike Flinzner)

Erst arbeiten, dann klicken

Ein paar Tage später kommt er dann. In einem kleinen Pappkarton, mit Klebestreifen auf der Rückseite, einem abnehmbaren Haken und zwei Miniatur-Anleitungsheftchen. Die sind nicht ganz unwichtig, denn bevor man mit einem Knopfdruck bestellen kann, muss man erstmal arbeiten. Schließlich weiß der Dash Button werksseitig noch nicht, welches Produkt man damit bestellen möchte. Irgendwas von Kleenex – das reicht noch nicht.

Da der Button selbst keine Anzeigen oder Displays und nur den einen Knopf hat, passiert die Konfiguration über die Amazon App. Die muss man sich also erstmal auf Smartphone oder Tablet laden. Über das normale Kundenkonto auf der Amazon-Website lässt der Button sich nicht anmelden und konfigurieren – warum eigentlich nicht? Lediglich eine Abmelde-Funktion ist dort unter „Meine Inhalte und Geräte“ versteckt.

Ok, also wird die Amazon Shopping App installiert. Über die im Installationsheftchen angegebene Adresse gibt’s allerdings nur Amazon Underground herunterzuladen. Wer die reine Shopping App haben möchte, muss den Umweg über den Play Store bzw. Apple Store gehen. Und dass die so ziemlich alle App-Berechtigungen haben möchte, die man vergeben kann, muss man wohl zwangsläufig hinnehmen.

Ohne WLAN geht nichts

Ist die App installiert, gibt es dort unter „Mein Konto“ eine neue Rubrik: „Dash-Geräte“. Um ein neues Gerät einzurichten, soll ich mein WLAN-Passwort bereithalten, und das ist der erste Moment, an dem ich überlege, den ganzen Prozess einfach bleiben zu lassen. Denn mit meinem WLAN-Passwort bin ich geizig. In Gedanken plane ich schon, das Passwort wieder zu ändern, sobald die Bestellung durch ist – für jemanden, der die Buttons tatsächlich regelmäßig benutzen möchte, wäre das natürlich weniger sinnvoll…

WLAN ist im Übrigen ein entscheidendes Stichwort, denn die Bestellknöpfe funktionieren nur in einem WLAN-Netz. Steht die Waschmaschine im Keller und euer WLAN-Netz reicht nicht bis dorthin, bringt euch der Dash Button fürs Waschmittel an der Maschine auch nichts.

Nun gut, was tut man nicht alles für die Wissenschaft, das WLAN-Passwort wird also eingegeben. Dann werde ich aufgefordert, den Button so lange zu drücken, bis er blau aufleuchtet – fertig eingerichtet.

Jeder Dash Button muss erst über die Amazon App eingerichtet werden - und funktioniert nur mit WLAN... (Foto: Mike Flinzner)

Jeder Dash Button muss erst über die Amazon App eingerichtet werden - und funktioniert nur mit WLAN. (Foto: Mike Flinzner)

Und nun kann ich dem Gadget auch endlich verraten, was es mir bestellen soll: Unter „Geräte verwalten“ kann das gewünschte Produkt ausgewählt werden. Dort lassen sich auch Benachrichtigungen einstellen – ob ich beispielsweise eine Push-Nachricht an mein Smartphone bekommen möchte, wenn eine Bestellung aufgegeben wurde. Vorsichtig sein sollte man wohl mit der Auswahlmöglichkeit „Mehrfachbestellungen zulassen“. Standardmäßig gibt der Dash Button nämlich keine neue Bestellung mehr auf, solange die letzte nicht ausgeliefert wurde. Diese Vorsichtsmaßnahme kann man deaktivieren. Hat man kleine Kinder oder vielleicht auch neugierige Haustiere als Mitbewohner, sollte man sich das allerdings zweimal überlegen.

Vielleicht, eventuell, möglicherweise

Zum Thema Plus-Produkte bin ich nach der Auswahl über die App übrigens auch nicht schlauer, ganz im Gegenteil. Ich kann hier Plus-Produkte auswählen – solange ich nicht mit zwei weiteren Klicks auf die Produktdetail-Seite gehe, erfahre ich allerdings nie, dass es Plus-Produkte sind. Stattdessen gibt es die wenig aussagekräftige Ergänzung „Möglicherweise fallen Versandkosten an.“ Hmmm... Möglicherweise? Und wenn ja, wieviel? Ich wähle lieber ein Prime-Produkt: 5 x 15 Mini-Packungen Taschentücher für 9,95 EUR. Passen bestimmt prima in die Hosentasche. Ob das jetzt allerdings günstig ist – ich bezweifle es…Immerhin bekomme ich ja die für den Dash Button investierten 4,99 EUR beim ersten Kauf erstattet.

Tadaa….

Und dann kommt der spannende Moment: Zum ersten Mal auf den Button drücken. Der blinkt kurz und leuchtet dann grün - scheint geklappt zu haben. Kurz danach bekomme ich auch auf dem Smartphone eine Nachricht über die aufgegebene Bestellung. Und später noch per E-Mail die klassische Amazon-Bestellbestätigung.

Also habe ich jetzt einen großen Vorrat an Taschentüchern? Nicht wirklich. Was zwei Tage später geliefert wird, ist ein groooßer Karton mit viel Packmaterial – und 1 x 15 Mini-Packungen. Nach einer Reklamation per E-Mail kommen ein paar Tage später natürlich nochmal neue Taschentücher an, auf zügige Reklamationsbearbeitung kann man sich bei Amazon schließlich doch verlassen. Aber meine Taschentücher hole ich demnächst wohl trotzdem lieber wieder im Drogeriemarkt. Geht schneller, macht weniger Verpackungsmüll und ist im Zweifel auch billiger. Außerdem brauche ich den nächsten Nachschub vermutlich frühestens in einem halben Jahr – bis dahin habe ich eh‘ vergessen, in welcher Schublade der Button verschwunden ist…

Wann der Knopf wohl das nächste Mal gebraucht wird? Taschentücher bis ans Ende aller Tage... | Foto: Mike Flinzner

Wann der Knopf wohl das nächste Mal gebraucht wird? Taschentücher bis ans Ende aller Tage... (Foto: Mike Flinzner)

Preistransparenz? Nicht wirklich.

Seit der Einführung der Dash Buttons in Deutschland warnt ein Verbraucherschützer nach dem nächsten vor den neuen Bestellknöpfen, nach einer Abmahnung der Verbraucherzentrale NRW landet der Button nun sogar vor Gericht. Und ja: Sie berücksichtigen kaum eine Verbraucherschutzrichtlinie. Mit klarem Hinweis auf eine kostenpflichtige Bestellung beschrifteter Bestellbutton? Nicht doch. Genaue Produkt- und Preisinformationen vor der Bestellung? Wozu auch? Als geübter Online-Käufer mag man das Gefühl haben, darauf verzichten zu können, und natürlich bekommt man die Infos nach dem Kauf auch nochmal in der Bestellbestätigung zugeschickt. Wer mag, kann dann immer noch stornieren. Wer die Dash Buttons wirklich ernsthaft benutzt (in den USA haben wohl weniger als die Hälfte der Dash-Button-Besitzer den Knopf überhaupt jemals gedrückt), wird das aber vermutlich eher selten tun. Auch dann nicht, wenn der Preis plötzlich höher ist als beim letzten Mal (wenn es einem überhaupt auffällt). Und ganz abgesehen von den oben bereits thematisierten „möglichen“ Versandkosten lässt Amazon sich bei der Preisgestaltung ziemlich viele Freiheiten. Man stimmt nämlich bei der Nutzung zu, dass man über Preisänderungen nur dann informiert wird, wenn sie mehr als 10 % des Kaufpreises betragen. Alles andere passiert still und heimlich. Verbraucherfreundliches, transparentes Einkaufen sieht anders aus.

Was Amazon mit den Buttons nun eigentlich bezweckt? Darüber wird heftig spekuliert, so richtig weiß es vermutlich nur Jeff Bezos. Dass wir unseren Kopf beim Einkaufen immer weiter ausschalten? Dass unsere Bequemlichkeit siegt, und wir irgendwann alles bei Amazon kaufen? Oder sollen die Buttons einfach nur Daten über unsere Verbrauchsgewohnheiten sammeln – die für die Hersteller im Übrigen deutlich spannender sind als für Amazon selbst? Diese müssen nämlich wohl für jeden verkauften Dash Button tief in die Tasche greifen, und für darüber generierte Bestellungen auch. Für irgendwas und irgendwen muss sich das ja lohnen – der Kunde ist es im Zweifel nicht…

Bilder: © Fotolia

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